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Forschung


Zündholzfabriken im Kanton Tessin


Erste vage Aufzeichnungen einer Zündholzproduktion im Kanton Tessin stammen vom 30. Dezember 1899. Olivieri & Bernasconi ersuchten damals um eine Bewilligung für eine Zündholzproduktion in Melide. In einem Brief vom 8. April 1900 werden bereits hygienische Arbeitsbedingungen erwähnt und Rezepturen von Zündmassen werden detailliert beschrieben.

Am 29. Dezember 1900 beantragt das Schweizerische Industrie-Departement beim Bundesrat die Bewilligung einer Zündholzfabrikation der Firma Flaminio Fantuzzi in Balerna. Diese wird am 1. Februar 1901 unter gewissen Auflagen erteilt. So müssen alle Schachteln und Pakete die beim Amt für geistiges Eigentum hinterlegte Fabrikmarke tragen. Bevor der Verkauf beginnt, müssen dem Staatsrat Proben der Streichhölzchen und der Streichkerzchen vorgelegt werden. Die Bewilligung würde sofort zurückgezogen wenn die Sicherheit des Publikums beeinträchtigt wäre.
In einem Eintrag ins Handelsregister vom 2. November 1927 lesen wir: Gründung der Società Anonima Fabbrica Ticinese di Fiammiferi in Sementina. Wann und ob ein allfälliger Produktionsstart erfolgt ist wissen wir nicht. Am 15. Juni 1928 wird der Verwaltungsrat von fünf auf sieben Mitglieder aufgestockt. In einem Bericht des Eidg. Fabrikinspektorates vom 4. Juli 1930 wird der Versuch einer Zündholzfabrik in Sementina jedenfalls als gescheitert beschrieben.

In einem Schreiben vom 27. Mai 1930 verlangt das Bundesamt für Industrie Gewerbe und Arbeit eine Überprüfung der Firma Edoardo Bianchi in Chiasso. Es scheint nicht klar zu sein, ob diese Firma ihre Zündhölzer fertig bezieht oder selber herstellt und damit unter das Zündholzgesetz fallen würde.

Ob diese vier Fabriken kommerziell produziert haben ist nicht sicher. Auf jeden Fall sind uns keine Etiketten oder Briefchen bekannt.


Die Firma Recla A.G., eine Handelsgesellschaft mit Sitz in Basel und Chiasso, hat grosse Mengen unverpackte Sicherheitszündhölzer in Tafelform aus Japan importiert. In Chiasso wurden diese dann in Täschchenform überführt. Bedruckt und mit Streichmasse versehen wurden sie bei

der Firma Loepfe-Benz in Rorschach. Die dafür verwendete Flüssig-Streichmasse lieferte die chemische Fabrik Georg Frey & Cie. in St. Margrethen.

Die erste richtige Zündholzfabrik war die Fiammiferi „Union“ S.A. Locarno.

Der erste Eintrag im Handelsregister datiert vom 19. Dezember 1929. Dort wird die Gründung der Firma mit einem Aktienkapital von SFR 200'000 erwähnt. Erster Direktor war Franz Kessler. Bereits am 27. Juni 1930 war die Fabrik soweit mit Gebäuden, Maschinen und Räumlichkeiten ausgestattet, dass das Gesuch für eine Produktionsbewilligung gestellt werden konnte. Vorgesehen war ein Personalbestand von 15 Personen für den Maschinensaal (Schäl- Zuricht- und Einlegeapparate) und 25-30 Arbeiterinnen für den so genannten Arbeitssaal (Kleberei und Verpackung). Nach einigem Hin und Her mit der Schweiz. Unfallversicherungs-Anstalt in Luzern und dem Kant. Arbeitsdepartement in Bellinzona wird der Firma Union am 11. September 1930 die Bewilligung zur Herstellung von Zündhölzern erteilt.

Die Firma Union stand von Beginn weg in ständigem juristischem Briefverkehr mit allen möglichen Ämtern. Einmal beschwerte sie sich beim Schweiz. Volkswirtschaftsdepartement über ungerechtfertigte Einfuhrzölle dann wieder beim Bundesamt für Gewerbe Industrie und Arbeit über das Preisdumping von Seiten der Firma Ladoc Genf bzw. des Schwedentrusts. Die „Schweden“ würden via Ladoc 1000 Stück Buchzünder für FR 8.50 auf den Markt bringen. Die Fertigungskosten bei der Union betrugen zu dieser Zeit FR. 9.-. Union wandte sich auch direkt an den zuständigen Bundesrat und drohte die Firma zu schliessen und damit 70 Arbeiter auf die Strasse zu stellen wenn nicht Massnahmen seitens des Bundes getroffen würden. Im Gegenzug bezichtigt Ladoc die Union ihrerseits seit Beginn der Produktion die Preise bewusst gedrückt zu haben. Am 5. Juni schreibt die Union direkt an die Svenska Tändsticks AB in Stockholm einen mehrseitigen Brief. Der Brief ist eine Mischung aus Jammern über die Schwedische Kartellpolitik und der Androhung, dass Union ebenfalls in die Schachtelproduktion einsteigen werde. Die Schweden hatten zu diesem Zeitpunkt praktisch ein Monopol in der Schweiz was die Schachtelproduktion betraf. Die Situation verhärtete sich zusehends und im Bericht des Eidg. Arbeitsinspektorates vom 25. Februar 1932 ist zu lesen: Die Zündholzfabrik Union in Locarno steht vor dem Konkurs, hofft aber mit der Einführung der Schachtelproduktion das Geschäft wieder flott zu bringen.

Im März 1933 hat die Union mit FR. 600'000 Schulden den Konkurs anmelden müssen.

Nach dem Konkurs hat der einstige Buchhalter der Union, Herr Hafen, einen Teil der Maschinen und Vorräte übernommen und hat bis 1936 alles nach und nach liquidiert. Danach hat er versucht, auf eigene Faust zu produzieren was jedoch misslang. Im Jahr 1937 hat er dann mit Hilfe eines ehemaligen Arbeiters der Firma Pyros die Fabrikation wieder aufgenommen und 1 Million Buchzünder produziert. Diese hat er fast ausschliesslich im Kanton Tessin verkauft. Nur wenige Tausend gelangten in die Deutsche Schweiz. Zu seinen Kunden zählte nun auch die Fiamma in Lausanne. Hafen beschäftigte nun zwei Frauen, konnte aber nur im Sommer produzieren. Auf dem Aufdruck der Buchzünder stand: Fabbrica Fiammiferi Locarno.

Etwa zur gleichen Zeit hat der ehemalige Direktor der Union, Herr Kessler, in Stabio eine neue unter dem Namen „Union“ Fabbrica di Fiammiferi Stabio laufende Fabrik gegründet. Er beschäftigte ca. 30 Personen. Fabrikationsbeginn war Januar.


Schweizerisches Zündholzmuseum, Ernst Glanzmann Mai 2010